Wenn der Vorhang fällt – zu Besuch in Hội An und Ninh Bình

Auf nach Hội An!

Es geht weiter mit dem Nachtbus. Es sieht schlimmer aus als es ist-zumindest wenn man nicht größer als 1,65 m ist. Immerhin kann man sich hinlegen, schlafen und ist nicht an eine sitzende Position gefesselt. Und Disco-Licht gibts on top! Die Überlandfahrt führt weiter nach Hội An. Ich habe meinen Mp3-Player für die Nacht mit Meditationen und Meditationsmusik bespielt. Ich rechne nicht mit sonderlich viel Schlaf.

José und ich kommen morgens 6 Uhr in Hội An an. Mein Duracell-Reisefreund möchte gleich los und Sightseeing machen. Ich brauch erstmal nen Kaffee. José’s Hostel ist näher als meins, daher beschließen wir das Gepäck dort loszuwerden und zu frühstücken. Ich lasse meine Sachen hier, da ich sowieso erst nachmittags in meiner Unterkunft einchecken darf. Die Altstadt im Zentrum wirkt idyllisch, romantisch, malerisch und friedlich. Die Architektur zeigt einen wilden Stil- bzw. Epochenmix bestehend aus chinesischen Shophouses, Tempeln in Holzbauweise, bunten Gebäuden aus der Kolonialzeit und die typisch vietnamesisch schmalen Stadthäuser mit kunstvoll gestalteten Fassaden. Überall hängen Lampions und Laternen in den Straßen. Es gibt zahlreiche Cafés, eines verträumter als das andere. Niedlich. Es gibt etliche Boutiquen, die maßgefertigte Kleidung anbieten. Überdies läuft man an zahlreichen kleinen Werkstattläden vorbei, die handgemachten Schmuck oder Souveniers verkaufen…und shhrink shhrink shhrink...zudringliche Locals gibt es auch, die Motorroller verleihen wollen oder einem Touren andrehen. Nach meinen Startschwierigkeiten in Vietnam fühle ich mich hier zunächst wohl. Es ist wirklich putzig. Kein Dreck, sehr gepflegt. Es ist 8 Uhr. Das öffentliche Leben reibt sich noch die Augen.

Japanische Brücke

Matcha Eis

Er hat spontan für mich gepost und sich auf seinem Büffel platziert

José nimmt seinen Traveller-Job hier sehr ernst 😉

Matcha-Latte

Wir laufen am Fluss entlang. Die japanische Brücke ist das Wahrzeichen der Stadt. Es folgen Tempel und Museen. Am Fluss gibt es einen großen Gemüse- und Obstmarkt. In den kleinen Gassen tummeln sich etliche Anbieter für Outdoorkleidung. Gegen 13 Uhr breche ich dann endgültig ein, während Duracell-José immernoch fleißig mit seiner Drone beschäftigt ist und sie gefühlt in jedem Quadratzentimeter des Ortes herumfliegen läßt. Ich brauche dringend eine Dusche. Ich verabschiede mich, hole meinen Rucksack und trotte in meine 3 km entfernte Unterkunft. Ich habe in einem Guesthouse ein Einzelbett in einem 3er Dorm ausserhalb des Stadtzentrums mit Blick auf Reisterrassen gebucht. Ich brauche Natur um mich rum. Diese Städte tun mir aktuell nicht so wirklich gut. Ich beziehe das Zimmer allein. Sieht nicht nach einem Mitbewohner aus. Schade. So nervig es manchmal auch ist, so gewöhnt man sich auch irgendwie daran, nicht alleine schlafen zu müssen. Ansonsten ist es hier draussen schön ruhig und malerisch.

Mein „3er Zimmer“

Umgebung in meinem Hội Aner Hood

Am nächsten Tag miete ich mir ein Fahrrad und erkunde die Umgebung. Ich fahre an die Küste und schaue mir den Strand an. Ich fahre in den Reisterrassen herum und schaue was hier so los ist. Ich mag verlassene Gegenden mit baufälligen Gebäuden mitten in der Natur. Davon gibts hier genug. Ruhe und Frieden. Hội An ist eigentlich ganz schön. Man kann sich hier wohlfühlen. Kann man. Angetrieben von der Hoffnung auf den absoluten Naturoverkill in Sapa, halte ich es jedoch auch in Hội An nicht lange aus. Ich bleibe insgesamt 3 Nächte und buche eine weitere Nachtfahrt nach Ninh Bình. Auch hier heißt es im Internet, dass sich ein Zwischenstopp lohnt. Hier findet man die sogenannte trockene Halong-Bucht und einen Berg, von dem aus man eine wunderbare Aussicht und viel Natur hat. Give it try. Die kommende Fahrt wird herausfordernd. Insgesamt 15 Stunden verbringe ich in diesem Bus. Es ist eben ein günstiges Reisemittel. Schlaf bekommt hier einen immer kleineren Stellenwert was sich allmählich bemerkbar macht. Die Stimmung ist höchstens ganz gut, wirkliche Höhenflüge sind nicht drin. Der Essensrhythmus gerät komplett aus den Fugen. Lange kann ich das so nicht weiter machen.

Strand Hội An

Ninh Bình/Tam Coc

Morgens 4 Uhr erreichen wir Ninh Bình und werden aus dem Bus geladen. Nach einem Kaffee brauche ich um diese Uhrzeit nicht zu suchen. Die ursprünglich geplante Ankunftszeit war mit 7 Uhr angegeben. Meiner Unterkunft habe ich geschrieben, dass ich gegen 8 Uhr morgens einchecken würde. Um 4 Uhr würde ich hier niemanden erreichen. Was jetzt? Hobo-Alarm. Einfach zusammenbrechen und schlafen. Nach 30 Minuten sinnlosem Vor-mich-Hin-Starrens beschließe ich, mein Glück trotzdem bei meiner Unterkunft zu versuchen. Ich könnte sturmklingeln und notfalls auf der Türschwelle nächtigen. Ich gebe die Adresse in Google Maps ein und habe einen 1,5 km Fußweg vor mir. Genau das richtige morgens 4 Uhr, übermüdet und mit einem 15 kg Rucksack… Ein paar Meter vor mir läuft ein junger Mann, der ebenfalls aus dem Bus ausgestiegen ist. Nach ca. 200 m enden die Straßenlaternen und ich habe gerade keine Ahnung, wo ich meine Stirnlampe habe. Toll. Mein Handyakku ist auch fast leer. Da erscheint der junge Mann aus der Dunkelheit und weist mir mit seiner Stirnlampe den Weg. Er hat glücklicherweise die gleiche Richtung. Gut, dass du da ist. Der Weg führt von der Straße weg und entwickelt sich allmählich in einen Trampelpfad. Der junge Mann hat noch einen weiteren Weg vor sich. Wir verabschieden uns an meiner Unterkunft und er verschwindet in die Nacht bzw. ins Morgengrauen. Jedenfalls ist gegen mittlerweile 5 Uhr tatsächlich jemand an der Rezeption. Ich zeige der jungen Frau meine Buchung und sie weist mich darauf hin, dass ich mich im falschen Hostel befinde. Fuck. Mein Hostel heißt Tam Coc Green Homestay. Ich bin gerade im Tam Coc Homestay. Green green green. Reflexartig halte ich Ausschau nach der nächsten Bank zum schlafen. Die junge Frau erkennt die Situation und bietet mir ein Bett für ein paar Stunden an. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Ich nehme das Angebot dankend an, lege mich hin so wie ich bin und schlafe sofort ein.

Gegen 8 Uhr wache ich auf… immernoch in meinen Klamotten vom Vortag. Ich fühle mich abartig. Ich putze meine Zähne, setze meine Rücksäcke auf und laufe zu meiner gebuchten Unterkunft. Unterwegs beschließe ich noch ein Frühstück zu mir zu nehmen. Ich halte in einem Café an. Es ist lediglich der Tisch neben mir mit einem französischen Paar besetzt. Der junge Mann, scheinbar der Kellner schaut mich leidenschaftslos-stoisch an. Begrüßung fällt heute aus. Endlich hab ich wieder das Gefühl, in Vietnam zu sein. Ich bin mir nicht sicher, ob schon geöffnet ist. Er macht allerdings auch keine Anstalten, dass ich wieder gehen soll… und neben mir sitzen ja schon Gäste. Die Speisekarte hole ich mir nach 5 Minuten selbst. Um zu bestellen stehe ich auf und gehe zu dem jungen Mann, der immernoch komisch-abweisend-unhöfliches Verhalten an den Tag legt. Gleichgültigkeit strömt ihm aus allen Poren. Er könnte sich genausogut ein T-Shirt anziehen mit dem Aufdruck „Du kannst mir mal den Buckel runter rutschen“. Das Paar am Nebentisch revidiert die bereits aufgegebene Bestellung, steht auf und geht. Ich hab ihren Bestellversuch beobachtet, und dachte mir noch „Wenn die mal tatsächlich das bekommen, was sie bestellt haben“. Der junge Mann gibt weder ein Signal, die Bestellung verstanden zu haben noch sie nicht verstanden zu haben. Man weiß nicht, ob er überhaupt bemerkt, dass man mit ihm spricht. Sehr seltsam. Ich zeige ihm die Bilder in der Speisekarte. Ich bestelle einen Kaffee und Obstsalat. Dann bestelle ich noch einen Kaffee…worauf hin sich ein verwirrter Gesichtausdruck auf seinem Gesicht zeigt. Ich winke ab. Ich wollte ja eh weniger Kaffee trinken…

Wanderung in der trockenen Halong-Bucht

In meiner Unterkunft Tam Coc Green Homestay angekommen werde ich sehr freundlich begrüßt. Der junge Mann um die 25 Jahre spricht gutes Englisch und kann mir alle Fragen beantworten. Ist das jetzt hier das Paradies? Ich habe ein Dorm gebucht und habe es – Überraschung – für mich allein! So langsam könnte ich mal wieder etwas Gesellschaft vertragen. Ich bin zwar total erledigt, beschließe trotzdem die Gegend zu Fuß zu erkunden. Es ist erst 11 Uhr. Der ganze Tag liegt noch vor mir. Immer dieser Zwang, alles anschauen zu müssen wenn man in einem neuen Ort ist. Nach einer Dusche laufe ich los Richtung trockene Halong-Bucht.

Dorm-Zimmer

Dorm-Zimmer

Nach einem Anstieg mit 500 Stufen erreiche ich den Gipfel von Hang Mua. Der Anstieg lohnt sich! Es ist schön hier oben und gibt mir wieder neue Hoffnung. Natur und ein paar Berge wirken eben doch kleine Wunder. Freisetzung der körpereigenen Heilungskräfte. Nach 10 Minuten setze ich mich. Da sitz ich nun on the top of Tam Coc. Wie gehts jetzt weiter? Die gleiche zermürbende Frage der letzte Tage boxt sich wieder in mein Bewusstsein. Es ist schön. Aber etwas fehlt. Meine Stimmung schafft es nicht weiter als bis ganz ok.

Auf dem Heimweg übers Feld rennen 3 aggressiv bellende Hunde auf mich zu. Und jetzt? An die streunenden und kläffenden Hunde werde ich mich auch nicht gewöhnen. Erfahrungsgemäß haben sie mehr Angst vor mir, als ich vor ihnen. Sie rennen bellend auf einen zu und werden dann 2 m vor einem ganz schüchtern. Sobald man seinen Arm bewegt oder eine andere x-beliege Bewegung auf die Hunde zu macht zucken sie zusammen und gehen regelrecht in Deckung. Die Tiere werden hier ganz offensichtlich nicht gut behandelt und geschlagen. Trotzdem weiß man nie, was gerade auf einen zusteuert. Meine aktuellen Koordinaten lassen auf jeden Fall nicht viele Fluchtoptionen zu. Vor mir läuft eine Herde Ziegen. Ich bin also nicht allein. Ringsum ist nur Feld. Wegrennen wäre zwecklos. Ich laufe ruhig weiter und behalte die Hunde im Auge. Es ist tatsächlich so, wie ich vermutet habe. Sie halten ein paar Meter vor mir an und machen keine weiteren Anstalten mich anzugreifen, bellen jedoch weiter und kleben mir noch eine ganze Weile an den Hacken.

Tap tap tap

Wenn der Vorhang fällt…

Die Nacht ist mal wieder lang. In der restlichen Unterkunft gibt es nicht viele Gäste. Trotz Schlafmangel schaffe ich es nicht mehr, vernünftig zu schlafen. Der permanente Wechsel der Unterkünfte und Betten macht mir allmählich zu schaffen und ich sehne mich nach meinem eigenen Bett. Home sweet home. Aber ein Ort an dem man sich zumindest ausserhalb vom Bett wohlfühlt würde mir fürs erste auch reichen. Vietnam und ich passen einfach nicht zusammen. Am liebsten möchte ich direkt einen Flug buchen und ausreisen. Scheiß auf Sapa. Aber ich habe noch eine Woche. Give it a try. Davon mal ganz abgesehen weiß ich gar nicht wohin es überhaupt in einer Woche gehen soll. Solltest du dir vielleicht langsam mal überlegen, Nancy. Ich hab immer öfter Phasen wo ich eigentlich am liebsten nach Hause fliegen würde. Heimweh? Hätte ich meine Wohnung nicht untervermietet bis Ende September, würde ich das sicherlich auch tun. Und wie ich das tun würde. Ich muss einsehen, das eine kurzentschlossene Flucht nicht möglich ist. Noch 6 Wochen. Ich versuche vietnamtechnisch optimistisch zu bleiben und setze wieder auf Sapa. Das ist nur eine weitere holprige Phase in deinem Leben. Alles wird gut.

Ich sehne mich ausserdem nach einer produktiven Aufgabe. Nur Reisen und Sightseeing…das bezeichnen die Leute also als große Freiheit? Von hier aus kannst du sein, wer immer du sein willst! Nein, das ist schlicht und ergreifend eine Lüge. Ich entwickel allmählich meine eigene Definition von Freiheit. In einem fremden Land, ohne jegliche Basis, ohne seine Lebenseckpfeiler, ohne Gesellschaft kann man definitiv nicht sein, wer immer man sein will. Zumindest nicht, wenn man alle paar Tage die Orte wechselt. Die Möglichkeit, das zu tun was immer man tun will, ist als Backpacker meines Erachtens eher gering, es sei denn man kann monatelang von Stränden, Bergen und Sightseeing zehren. Die Hauptaufgabe für mich besteht hier schon seit Beginn der Reise darin, dem Tag eine Struktur zu geben und die richtige Balance zwischen Privatsphäre und Gesellschaft zu haben. Wenn man ein Leben lang einen Alltag hatte und ein „sicheres Leben“, kann die große Freiheit durchaus zu einem Monster heranwachsen. Da ich sehr genau weiß was ich tun will und sehe, dass ich es hier nicht tun kann, fühle ich mich allmählich von innen her mehr vergiftet als befreit. Um Freiheit zu erlangen, ist man zunächst einmal mit seinen ganzen schlechten Seiten und Ängsten konfrontiert und meistens auch mit ihnen allein. Und das 24 Stunden am Tag. Man kann nicht einfach davon rennen. Schiffsbruch mit einem Tiger. Es gibt keine Fluchtoptionen. Wenn man das überwunden hat, dann tauchen neue Optionen auf… erst wenn der staubige Vorhang fällt und die Staubwolke verpufft ist. Wenn man mitten in dieser Staubwolke steht, sieht man die Hand vor Augen nicht. Also bleibt man erstmal mit sich, schaut sich seine schlechten Eigenschaften an und grübelt, wie man sie umwandeln kann oder warum man so reagiert wie man reagiert. Eigentlich heißt es ja, dass die Dinge erst gut oder schlecht werden, wenn wir anfangen sie zu beurteilen und in unsere Schubladen stecken. Man erkennt seine eigenen Verstrickungen mit sich selbst. Die selbstgestellten Grenzen werden sichtbar. Genauso verhält es sich auch mit unseren Charaktereigenschaften. Die gute Nachricht ist, dass auch schlechte Charaktermerkmale haben immer etwas gutes haben. Es gibt einen Grund, warum sie da sind. Wir haben gewisse Muster gelernt, weil sie früher mal hilfreich waren. Jetzt sind sie nur noch ein Glotz am Bein. Ich versuche, die vietnamesische Mentalität als Möglichkeit zum persönlichen Wachstum zu sehen. Liebe deine Feinde. Ich möchte den staubigen Vorhang endlich aufziehen und durch ein klares Fenster schauen. Mit klarer Sicht und wieder voller Kraft voraus.