Stopover im Küstenort Nha Trang

Nach meinen zwei gebuchten Nächten in Ho-Chi-Minh reise ich weiter. Alle schicken mich in den Norden. Nach Sapa soll ich gehen. Dort ist es angeblich wunderschön und man kann endlos über Reisterassen wandern. Warum bin ich dann nach Ho-Chi-Minh gekommen? Ach ja, die Flüge hierher waren günstiger und eigentlich soll es hier in Saigon massig Streetart geben – ausser in einem Food Center habe ich allerdings kein einziges Piece gesehen. Schade.

Piece in Ho-Chi-Minh

Nach dem ich den ganzen Abend und die halbe Nacht vor meiner Weiterreise mit Recherche verbracht habe, geht der Kelch unter den 1000 zur Verfügung stehenden Optionen an den Ort Nha Trang. Er liegt eine 8-stündige Zugfahrt entfernt an der Ostküste von Südvietnam. Ich habe mich entschieden, in meinen 15 zur Verfügung stehenden Tagen mit dem Zug/Bus bis in den Norden nach Sapa zu fahren und entlang der Küste einige Zwischenstopps einzulegen. Vietnam bekommt ein sportliches Zeitfenster. „Wer entspannen und die Gegend zu Fuß erkunden möchte, ist in Nha Trang genau richtig.“ Hier wird sicherlich alles besser.

Am nächsten Morgen buche ich mir via App ein Rollertaxi. Die App names GRAB kann man via Google Maps anwählen. So bekommt der Fahrer meinen genauen Standort und auch mein genaues Ziel via Koordinaten. Ein sehr einfaches und praktisches Konzept für Touristen, vor allem für solche, die der vietnamesischen Sprache nicht mächtig sind. Mein Grab-Motorroller kommt angefahren. Der Fahrer reicht mir einen grünen viel zu großen Helm und nimmt meinen kleinen Tagesrucksack vorne zwischen seine Beine. Ich behalte meinen großen Backpack auf dem Rücken. Die Fahrt zum Hauptbahnhof dauert ca. 15 Minuten. 15 Minuten mittendrin statt nur dabei im vietnamesischen Verkehr. Ein Abenteuer gleich morgens um 8! Obwohl ich in einigen Momenten einfach die Augen reflexartig schließe, genieß ich die wilde Fahrt als ausgelieferter Beifahrer auf dem Roller. Beängstigend und spannend zugleich.

Der Fahrer hält mehrmals an und scheint den Bahnhof nicht zu finden. Er möchte, dass ich absteige. Er gestikuliert wild mit den Händen und sagt etwas auf vietnamesisch. Sowas wie „Es muss hier in der Nähe sein“ oder „Es ist gleich da vorne“… so nach dem Motto, den Rest kannst du auch laufen. Die gute Morgenlaune bröckelt. Ich steige nicht ab und erkläre ihm, dass er mich zum Bahnhof fahren soll-so wie ich es gebucht habe. Ansonsten wird er nicht bezahlt. Hat er vermutlich nicht verstanden, war mir aber egal. Gemeinsam schauen wir auf auf Google Maps. Wo ist denn schon wieder das Problem? Er braucht doch nur der App zu folgen… ich kann ihm hierbei nicht behilflich sein. Wie gesagt, ich bleibe einfach sitzen und habe auf den Zielort gedeutet.

5 Minuten später sagt meine App endlich „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Ich kaufe mir ein Ticket, suche mein Abteil und setze mich auf meinen Platz. Ich atme erstmal durch. Die nächsten 8 Stunden sollten ruhig ablaufen. Ich bin mal wieder der einzig europäisch aussehende Mensch im Zug. Mittlerweile hab ich mich dran gewöhnt. Die Leute starren und schauen… Na und. Damit muss ich klarkommen, bis ich wieder nach Europa bzw. Deutschland zurückkehre. Ich entwickle in Vietnam eine ernstzunehmde Sehnsucht nach europäischen Standards. Ich vermisse dich so. Heimweh? Ich denke das erste Mal darüber nach, ob ich meine Reise vielleicht einfach in Europa fortsetzen sollte…

Es kostet mich hier Mühe, ein positives Mindset zu behalten. Der Ort hat keine positive Ausstrahlung. Vielleicht hast du keine positive Ausstrahlung…!? Ja vielleicht. Seit ich hier aus dem Flugzeug gestiegen bin, hat sich ein dunkler, staubiger Vorhang über meine Stimmung gelegt. Ich will das gar nicht. Ich will meine gute Laune zurück. Wo bist du? Ich will mein warmes wohliges Bauchgefühl zurück. Ich habe mehrfach gelesen und gehört, dass hier alle sehr herzlich und freundlich sind. Ich wünsche mir sehnlichst, das bestätigen zu können. Es wird ganz sicher noch, gell.

Ich hasse es, wenn Asiaten überall ihre Füße platzieren müssen. Ihre nackten dreckigen Füße legen sie kreuz und quer auf Armlehnen, oben auf die Rückenlehne des Sitzes oder sie stecken sie zwischen zwei Sitzen einfach hindurch und plötzlich hat man einen Fuß neben sich. Baaahhh!!! Ich hasse das wirklich. Ich will keinen Körperkontakt mit vietnamesischen Füßen oder sie gar vor meinem Gesicht rumhängen haben. Mein Sitznachbar und ich fechten von Zeit zu Zeit einen stummen Kampf um die mittlere Armlehne aus. Wenn er seinen Unterarm nicht schnell genug auf die Armlehne gelegt hat, wenn ich meinen mal weghabe, versucht er durch penetrantes Drücken sich Platz zu verschaffen. Ich halte dagegen. Irgendwas muss ich ja auf der Zugfahrt machen. Ich schaue ihn wütend an. Etwas zu sagen braucht man nicht, da die Leute eh nix verstehen (Sprachbarriere). Er schaut typisch vietnamesisch emotionslos zurück. Ich lasse meinen Arm wo er ist und lehne mich wieder zurück. Nur noch 5 Stunden Fahrt…

Ähnlich wie in Thailand gibt es auch in Vietnam einen Verpflegungsservice in den Langstreckenzügen. Es laufen Frauen und Männer durch den Zug, die allerhand Getränke und Speisen verkaufen. Es gibt einen Fernseher im Zug auf dem eine Quizshow läuft. Die anderen Passagiere sind sichtlich amüsiert von der Show.
Nach fast 8 Stunden und immer wieder neu entfachten Kampf um die Armlehne erreiche ich Nha Trang. Ich steige aus und werde sofort von der Taximafia belagert. Ich bahne mir meinen Weg zum nächsten Café und checke aus, wo meine Unterkunft ist. 1 km laufen. Ich würde mit dem Rucksack bis ans Ende der Welt laufen, nur um nicht auf die Taximafia zurückgreifen zu müssen.
„I’m walkin‘, yes indeed, and I’m talkin‘ ‚bout you and me I’m hopin‘ that you’ll come back to me (yes) I’m lonely as I can be, I’m waitin‘ for your company“ Ein neuer Mottosong streift meine Gedanken.

Der erste Eindruck von Nha Trang haut mich nicht gerade von den Socken. Hier kann man also entspannen und wandern?! Es ist hier mindestens genauso laut und dreckig wie in Ho-Chi-Minh. Meine Unterkunft hingegen gibt mir Hoffnung. Sie ist ruhig, schön, sauber. Der junge Mann an der Rezeption ist freundlich und hilfsbereit. Mein Dorm-Zimmer gefällt mir. Ich teile es lediglich mit 2 jungen Mädels. Die Bettkabinen haben Vorhänge und es gibt ein eigenes Bad nur für uns. Ich erwische mich, wie ich schon wieder daran denke, wohin ich als nächstes fahren soll. Dieses Verhalten ist stehts ein Zeichen, dass mich unterbewusst irgendwas stört. Fluchtgedanken sind nie ein gutes Zeichen.

Blick aus meinem Hostel in Nha Trang-Madness

Als erstes checke ich den Ort aus. Es ist schon 18 Uhr und fast dunkel. Ich beschließe, den Strand anzuschauen und etwas Essbares zu finden. An der Hauptstraße angekommen, erwartet mich der übliche Verkehr. Die Straßen führen 2-spurig in beide Richtungen. Wenn ich vorwärts kommen will, wird auch mal der ein oder andere Sprint fällig. Los! Der Strand ist ziemlich voll. Auf den ersten Blick erinnert mich diese Strandpromenade landschaftsarchitektonisch an den Ort Surfers Paradise an der Gold Coast in Australien. Entlang der Strandpromenade gibt es alle paar Meter kleine Outdoor Gyms, Menschen sitzen im Sand oder baden, hinter dem Strand gibt es zahlreiche Hochhäuser. Australien-Nostalgie überkommt mich. Australien…warum kannst du jetzt nicht hier sein? Es war so schön mit dir und ich habe mich sowohlgefühlt…penetrantes Hupen reist mich aus meinem Tagtraum.

Outdoor Gym

Ich möchte nicht in den teuren Strandrestaurants essen und suche mir eine Streetkitchen in einer Seitenstraße. Ich werde ganze dreimal bei meinem bloßen Erscheinen im Eingangsbereich wieder weggewunken. Die vietnamesische Freundlichkeit ist einfach beispiellos. Sein Essen muss man sich eben erst verdienen. Ich gehe weiter zum nächsten „Restaurant“, grüße, schnappe mir die Speisekarte, die im Eingangsbereich ausliegt um zu signalisieren, dass ich an einer Mahlzeit interessiert bin. Ausser ein paar entgeisterten Blicken mit anschließendem Ignorieren bekomme ich nicht viel Aufmerksamkeit. Dann geh ich eben wieder. Bei meinem letzten Versuch setze ich mich einfach auf einen der Plastikstühle an den Plastiktisch und zeige der Bedienung (die genauso so schaut wie alle anderen hier) was ich gerne möchte. Ich verstehe nicht, wo hier das Problem ist. Man fühlt sich nicht willkommen. Ich esse meine Suppe und bestelle nachträglich noch einen Schale Reis. Ich zeige auf den Nebentisch, an dem der Mann auch gerade eine einzelne Schale Reis bekommen hat. Trotz dieser Geste versteht sie nicht, was ich ihr sagen möchte. Die Vietnamesen sind sehr verwirrt wenn man etwas bestellt… nachdem man schon was bestellt hat. Meistens kommen sie gleich mit der Rechnung an und schauen fragend drein, wenn man noch einen Wunsch äußert. Ich Vielfras.

Wer würde denn jemandem mit solch einem lieblichen Gesichtsausdruck davon jagen?!

Gemüsesuppe mit Garnelen

Der Start in Nha Trang verläuft unterm Strich auch nicht so richtig gut. Auf dem Heimweg gehe ich noch an einem kleinen Supermarkt vorbei, in dem mir die Kassiererin am Hintern klebt und alles beobachtet was ich mache. Es wird sich noch herausstellen, dass es sich hier um eine vietnamesische Eigenart handelt. Nicht persönlich nehmen. Im Restaurant stellt sich die Bedienung ebenfalls neben dich und wartet solange bis du ausgesucht hast. Ich habe auf meiner Vietnam-Tour mehrfach versucht, mit Handbewegungen einen Zeitaufschub und Privatsphäre einzufordern… sinnlos.
Zurück im Hostel angekommen, belausche ich die ersten Gespräche von Vietnam-Begeisterten. „Amazing!“, „So Beautiful.“ „People are so cute and friendly!“. Really? Irgendwas läuft hier verkehrt.

Ich beschließe mit dem begeisterten Costa Ricaner Jose dem Ort eine neue Chance zu geben und mache Sightseeing mit ihm. Wir besuchen die Budda-Statue und erhaschen auf unserem ausser-touristischen Rückweg nochmal andere Seiten der Stadt.

Long Son Pagoda Budda Statue

Die Armut in Vietnam ist offensichtlich. Hier wird nichts hinter schönen Fassaden versteckt. Es schockiert, wie man die Menschen hier leben sieht. Das Grundwasser ist durch den Vietnam-Krieg verschmutzt. Nicht jeder Haushalt hat Wasseranschlüsse. In einigen Gemeinden gibt es kein sauberes Trinkwasser und die Grundnahrungsmittel reichen ebenfalls nicht aus. Möglicherweise haben die Vietnamesen etwas gegen Westerner aufgrund des Krieges… und das spiegelt sich im Verhalten wieder. Man merkt auf jeden Fall schon, dass es hier nicht viel zu Lachen gibt. Es ist traurig und schockierend, dass alles zu sehen. Menschenunwürdig.

Der Strand ist eigentlich schön. Ich versuche mich zu begeistern und mir einen Ruck zu geben. Vielleicht liegt es an dir. Die Versuche scheitern im Minutentakt. Ich versuche mich zu fragen, was denn eigentlich mein Problem hier ist. Der Ort ist mir zu touristisch, aber ansonsten ok. Es gibt Outdoor Gyms, eine Budda-Statue, einen Strand…also eigentlich nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Am Südende des Strandes führt eine Seilbahn zu einer Insel, auf der ein Vergnügenspark seinen Platz gefunden hat. Man kann lange Spaziergänge am Strand machen. Ein schöner Fleck Erde sozusagen. Ich versuche ein paar Good Vibrations von meinem südamerikanischen Travel-Freund Jose abzufangen. Er ist noch voller Elan, Neugier und Tatendrang. Überall läßt er seine Drone rumfliegen. Er ist erst seit 1 Woche unterwegs. Jose, der Spieljunge.

Auf unserem Rückweg laufen wir durch einen Fischmarkt. Bei 33 Grad liegt der Fisch einfach da und stinkt vor sich hin. Wer kauft denn sowas? Ich werd auch mit Nha Trang nicht so richtig warm. Ich nehme das einfach so hin. Ich will hier weg. Ich buche eine Weiterfahrt nach Hoi An für den nächsten Tag.

Nancy nach Haus telefonieren