Startschuss für 15 Tage Vietnam-Madness

Am Flughafen in Ho-Chi-Minh (ehemals Saigon (Sài Gòn)) habe ich ein selbstverschuldetes Problem: am Immigration-Schalter kann ich keinen Rück- oder Weiterflug nachweisen. Seit meinem Start in Indonesien habe ich die Visa-Recherche lediglich auf die Kenntnis meiner Maximalaufenthaltsdauer beschränkt und bin sorglos kreuz und quer durch Asien geflogen. Es hat nie jemand nach einem Weiterflug gefragt und ich habe meinen Stempel überall reibungslos bekommen. Mit dem normalen Touristenvisa darf man in Vietnam als deutscher Staatsbürger 15 Tage lang im Land bleiben.

Jedenfalls stehe ich nun dem Immigration-Offizier gegenüber. Er macht mir klar, dass ich einen Rück- oder Weiterflug benötige um in das Land einreisen zu dürfen. Der Offizier ist ein junger Mann höchstens 30, schlank, schwarze stoppelige Haare, schätzungsweise so groß wie ich (1,62 m), prägnanter Kiefer, kleine tiefliegende funkelnde Augen. Ich habe keine spontane wilde Ausrede parat und setze auf Ehrlichkeit in der Hoffnung auf pure Einwanderungsgnade. Ich sage ihm, dass ich schlicht und ergreifend nicht weiß, wann und wohin ich weiterfliege. Er möchte, dass ich einen Flug buche. Jetzt. Vor seinen Augen. Ich erkläre ihm, dass ich noch nicht im Besitz einer vietnamesischen Prepaidkarte für mein Handy bin, um online etwas zu organisieren und erneut, dass ich mir über weitere Reisedetails noch nicht im Klaren bin.

„You have to pay a fee“ – „Sie müssen eine Strafe zahlen“ sagt er. Ich frage ihn wieviel. „20 $“ antwortet er.…?! Ich hole meine Kreditkarte raus und halte sie ihm unter die Nase. „Only cash“ – „Nur Bargeld“ gibt er mir zu verstehen. Ich sage ihm, dass ich gerade aus dem Flugzeug aus Thailand gestiegen bin und weder Bargeld noch eine Prepaidkarte besitze. Come on! Klar, die Situation hätte ich mir durch präzisere Recherche ersparen können. Was für ein Affenzirkus. Das Ganze hier ist eigentlich gar nicht sein Problem. Ich hoffe trotzdem, dass wir eine schnelle Lösung für das Problem finden. Meine happy-clappy-sorglos-Stimmung, die ich aus Thailand mitgebracht habe, fängt allmählich an zu wanken. Mit meinem braver-deutscher-Tourist-Gesichtsausdruck verspreche ich, die 15 Tage nicht zu überschreiten. Scheinbar ist er jetzt selbst genervt und die Schlange hinter mir wird auch immer länger. Er sagt „This time  I help you, you have 15 days“ – „Diesmal drücke ich nochmal ein Auge zu, Sie haben 15 Tage.“ Er haut mir den Stempel in meinen Reisepass und reicht ihn mir rüber. Ich bedanke mich und schaue, dass ich weg komme.

Ich hole mein Gespäck, eine vietnamesische Prepaidkarte und meine ersten 5 Millionen Dong vom ATM-Geldautomat. Ich bin jetzt eine reiche Frau. Vor dem Flughafen geht der wohlbekannte Bazar um das Taxi los. Ich habe vor meiner Ankunft einen öffentlichen Bus recherchiert, halte mich an die Wegweiser Richtung „Public Bus“ und ignoriere einfach alles, was bis dahin meinen Weg kreuzt. Aus dem Weg, ich muss zum Bus! Ich kaufe eine Fahrkarte und steige ein. Ich halte sie dem Busfahrer hin, der gleichgültig in seinem Sitz sitzt und keine Reaktion zeigt. Ok, er hat mit den Augen geblinzelt. Wow, hier hat jemand einen verdammt beschissenen Tag oder hasst seinen Job. Es gibt einen zusätzlichen Fahrkartenkontrolleur, der mich in gebrochenem Englisch nach meinem Hotel fragt. So wie ich das auf der Fahrt mitkriege, sagt er den Leuten Bescheid, wenn der Bus an der nahesten Haltestelle der Unterkunft anhält. Er gibt mir ein Zeichen an meiner Haltestelle und ich steige aus.

Von meiner Unterkunft trennen mich noch 20 Minuten Fußweg. Es ist heiß und stickig. Die Momente, in denen ich meinen Riesenrucksack hasse, häufen sich. 100 m mit dem Ding gelaufen und zack wieder durchgeschwitzt. Ich hab mich nach 4 Monaten immernoch nicht ans Klima plus Backpack gewöhnt. All-travelled-out. Das überqueren der Straße gestaltet sich als Mutprobe/Reaktionsspiel. Auf der 3-spurigen Straße ist weit und breit keine Fussgängerampel zu sehen…und selbst wenn… die nächsten Tage in Vietnam würde ich noch lernen, dass es hier keinerlei Regeln gibt, grün lediglich eine Farbe ist und Füßgängerüberwege nur zur Verschönerung des Asphalts dienen.

Ich habe nach einigen Wochen in Mehrbettzimmern für 2 Nächte in Ho-Chi-Minh mal wieder ein Einzelzimmer in einem Hotel gebucht. In einem günstigen Hotel. Als ich gegen 22:30 Uhr ankomme, werde ich mit derselben gleichgültigen Art, wie ich sie schon beim Busfahrer am Flughafen bemerkt habe, begrüßt. Ich sage „Hello“ und „Check in please“. Ich verwende immer öfter ein sehr einsilbiges Englisch, passe mich an, weil ich mit ganzen Sätzen nicht sonderlich weit komme. Ganze Sätze verkomplizieren die Kommunikation am Ende noch mehr als ohnehin schon. Und mein vietnamesisch ist nicht vorhanden. Ich weiß nicht mal, was Hallo heißt…! Zurück zum Einchecken. Widerwillig reagiert der Mann an der Rezeption. Er reicht mir den Schlüssel, diktiert mir die Frühstückszeiten und das wars. Ich finde mein Zimmer im 2. Stock. Es ist groß und geräumig. Die Vorhänge am Fenster sind zugezogen. Ich ziehe sie auf und schaue direkt auf eine ca. 20 cm entfernte Wand. Schön hier. Nach der verstrichenen Zeit in Asien bin ich an Unterkünfte ohne Fenster oder mit Fake-Fenster gewöhnt. Als ich mich aufs Bett lege, kann ich die Federn fühlen, die sich erbarmungslos in meinen Rücken bohren. Gelegentlich läuft mal eine Ameise über das weiße Bettlaken. Es könnte schlimmer sein. Das Bettlaken ist definitv frisch und sauber, weist allerdings einen Bügeleisenabdruck auf. Ich verstehe nicht, warum das in einem Hotel weiterhin verwendet wird. Asien gibt meine innere Stimme prompt zur Antwort. Ich bin erledigt und habe keinen Nerv, mit dem unfreundlichen Mann an der Rezeption über einen eventuellen Neubezug zu diskutieren. Ich schlafe in meinem Schlafsack.

Als ich am nächsten Morgen den Frühstücksraum betrete, läuft mir ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Ich bin zunächst unsicher, ob es sich hier tatsächlich um den Frühstücksraum handelt. Ich finde ein junges Mädchen um die 20 vor, die teilnahmslos auf einem Sofa sitzt und mit ihrem Handy spielt. Sie blickt kurz auf und widmet sich sofort wieder ihrem Smart Phone. Ich stehe in einem Raum mit 3 massiven Mahagoni-Holztischen, die jeweils von 8 ebenso massiven Mahagoni-Holzstühlen umringt sind. Die Tische sind mit eingetrockneten Kaffeetassen- und Tellerabdrücken, Krümeln und Fettflecken bedeckt. Überall stehen alte Möbel, Kartons, Roller und Müll. Am anderen Ende des Raumes befindet sich eine Ecke mit benutzen Schüsseln, Tassen, Essensresten und ein paar hergerichteten halbvollen Tellern mit Tomaten und Gurkenscheiben. Ein Indiz, dass das tatsächlich der Frühstücksraum ist. Nach dem ersten Schock versuche ich nochmal mein Glück bei der jungen Dame und sage „Good Morning“. Keine Reaktion. Ich laufe zu den Tellern mit dem Gemüse, um nach etwas frühstückstauglichem Ausschau zu halten. Das Mädchen steht nun auf, läuft Richtung Herd, schlägt ein paar Eier in die Pfanne und macht ein Omelett – scheinbar für mich. Der Kaffee wird in einem orangefarbenen Plastikbehälter aufbewahrt. Sie schenkt mir aus diesem Behälter ein bisschen was in eine Tasse und gießt heißes Wasser darüber. Auf dem Boden neben dem Herd steht eine Art überdimensionale Mausefalle – für was soll die bitte sein? Für Ratten? Für Waschbären?

Rattenfalle(?!) im Frühstücksraum meines Hotels …………….

Sie reicht mir mein Omelett und ich setzte mich an einen der klebrigen Tische. Es gibt jeweils einen Korb mit Chilisauce, Ketchup und Erdnussbutter. Leer. Auf jedem der 3 Tische sind die Gläser bzw. Flaschen leer. Der ganze Frühstücksraum sieht aus wie eine Rumpelkammer, in der alles mögliche seinen Platz findet, aber ganz sicher keine Hotelgäste. Da gönnt man sich mal ein Hotelzimmer und dann landet man hier. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gute Hostels mit einer Bewertung ab 8 besser aufgestellt sind, als so manches Hotelzimmer. Vor allem sind sie sauberer und gepflegter. Ich nehme schon seit einiger Zeit nur noch Unterkünfte mit einer Bewertung über 9. Wie dieses Hotel zu dieser Bewertung kommt, ist mir auf jeden Fall nicht ganz klar.

Ich suche mir ein paar To-Do’s für den Tag und ziehe los in den vietnamesischen Wahnsinn. Ich fühle mich irgendwie unbehaglich, als ich die Straße entlanglaufe. Vietnam zeigt mir mal wieder eine neue Art von asiatischem Tumult auf. Die Menschen schauen ernst. Kein flüchtiges Lächeln. Der Gesichtsausdruck ist hart und emotionslos. Hier ist kein Funken von Neugierde oder Freundlichkeit zu vernehmen. Vor dem Verkehr hab ich ja schon gewarnt. Es wird permanent gehupt. Alles fährt kreuz und quer, es wird mitten im Verkehrsfluss gewendet, rechts vor links gibt es nicht. Ampelschaltungen werden zunmindest an kleineren Kreuzungen ignoriert. Es ist vielmehr so, dass gehupt wird um zu sagen „Hey, ich komme hier grad angefahren“ – egal ob Roller oder LKW. Man hat mir gesagt, ich soll einfach zulaufen wenn ich auf der anderen Straßenseite ankommen will. Viel mehr Optionen hat man ehrlich gesagt auch nicht. No Risk, keine andere Straßenseite.

Verkehr: nur die Starken überleben… oder in dem Fall die Schnellsten

Cathedrale of  Christ

Meine erste Station ist die Church of Christ. Leider wird die Kathedrale gerade restauriert und ist somit geschlossen. Schade. Ich kaufe an einem Stand von zwei älteren Damen 2 Rosenkränze. Ich bekomme gleich noch einen dritten dazu plus 2 Armbänder. Süß die zwei. Die Frauen freuen sich sichtlich, dass ich etwas gekauft habe. Endlich geht die Sonne auch in Ho-Chi-Minh auf.Der erste Glücksmoment in dieser Stadt. Weiter geht’s.

Ho-Chi-Minh ist anstrengend, heiß und laut. Ich flüchte in ein klimatisiertes Einkaufszentrum und prokastiniere eine Stunde lang in einem Café. Ich merke, wie ich mittlerweile überdrüssig werde, was das Sightseeing in neuen Orten angeht. Eigentlich habe ich grad gar keine Lust mehr, mich durch eine Großstadt zu wühlen und auf Entdeckungsreise zu gehen. Meine Neugierde ist ziemlich gesättigt. Neue Tempel, neue Kirchen, neue Marotten, neue Verkehrsnetze. All-travelled-out. Ich fühle Widerstand. Ich fühle, wie das Verlangen nach einer Reisepause sich an die Oberfläche meines Bewusstseins kämpft. Ein Wohlfühlort, kein Google Maps, normales Essen, keine Sprachprobleme dafür mehr Konversation jeneits meiner Whatsapp-Sprachnachrichten in die Heimat. Es ist immer das Gleiche: Ich möchte meinen Freunden/Familie lediglich eine kurze Nachricht hinterlassen und erzähle am Ende Romane. Die thailändische Ausgeglichenheit zeigt immer mehr Risse. Das ging ja mal wieder ratzfatz. Der Tag endet mit Thailand-Erinnerungen und passend dazu einem Papaya Salad spicy. Thailand, du hast mir gefallen!

City Hall

Security an der Ho-Chi-Minh-City Hall

Saigon Hauptpostamt

 

Saigon Hauptpostamt

Hinduistischer Tempel Godess Mariamma

Tempel als Rollerparkplatz – why not

Central Market Ho-Chi-Minh

Ich bin hier relativ planlos unterwegs und schaue einfach was noch so kommt. Planungslethargie. Ich laufe am Central Market vorbei. Die Menschen sind sehr aufdringlich und wollen mir überall was andrehen. Man kann nicht einfach mal schauen, schlendern oder bummeln. Auf mich prasseln Fragen wie „You wanna buy“, „How much you wanna buy“, „How much you wanna pay?“ – How much I wanna pay? Hier ist mal wieder verhandeln angesagt um am Ende vermutlich trotzdem einen viel zu hohen Preis zu bezahlen. Es gibt putzige Figürchen aus Holz mit den charakteristischen Spitzhüten… doch es macht einfach keinen Spaß zu schauen. Man kann nicht mal ungestört ein Foto machen. Ich resigniere an dem Tag sehr schnell obwohl es einige interessante Dinge zu sehen gibt. Viele Fake-Produkte, vor allem Rucksäcke, Taschen, Sportbekleidung und Turnschuhe/Sneaker. Wer Bedarf hat, kann hier auf jeden Fall fündig werden.

Es gibt Street Food, kuriose getrocknete Tierchen und Schrimps, getrocknete Früchte, Kaffee, Nüsse, Blumen, Souveniers etc.

Dies und Das

Ein Gruß aus Bella Italia

Ein akzeptables Motto für diese Stadt

Barber

Piece in Ho-Chi-Minh

Im Food-Center

Auch im Food-Center

Morgen gehts weiter mit dem Zug….