Koh Chang – 1%, (durch)boxen und Privatsphäre

Zugegeben: Nach meiner letzten Insel-Erfahrung auf Tioman hab ich erstmal alle weiteren geplanten Inseln gecancelt. Kein Bedarf. Die Vorstellung in der Einsamkeit einer einsamen Insel mit so gut wie keinen Touristen, mit Chips und Crackern ausgestatteten Supermärkten, allerhand Viehzeug als Mitbewohner und aggressiven Mücken am Strand zu sein… stellt mir die Nackenhaare auf! Ein ganz besonderer Insel-Besuch steht aber an: Ich reise von Bangkok nach Koh Chang, da meine liebe Mutter hier ihren Urlaub mit ihrem Lebensgefährten verbringt und wir schon in Deutschland ein Treffen verabredet haben. Also hopp, gemma! Ich freue mich und sie ist die treibende Kraft, die mich zurück auf eine Insel bringt!

Koh Changs Taximafia

Südostasien wäre nicht Südostasien wenn man nicht ohne mindestens einen Zwischenfall von A nach B kommen würde…zunächst gibt es also noch ein paar Hürden zu überwinden. Die Anreise dauert 5 Stunden von Bangkok nach Trat mit dem ziemlich rasant fahrenden Minibus und eine weitere Stunde von Trat auf die Elefanteninsel Koh Chang via Fähre… und sehr lange mit dem Taxi zur Unterkunft. Am Hauptpier Koh Chang wird meine Organisationsidylle, an die ich mich in Malaysia so sehr gewöhnt habe, mal wieder gecrasht. Die gute Frau am Hafen in Trat hat Dan, ein Brite mit dem ich aus Bangkok gekommen bin, und mir einen Taxipreis genannt, mit dem der hiesige Taxifahrer wenig anfangen kann. Er möchte das dreifache und obendrein erst losfahren, wenn das Taxi voll ist. Es ist mal wieder disskutieren, verhandeln und Zeit vergeuden angesagt. Aber so richtig. Ich komme eigentlich schon bei der Preisansage so richtig beschissen drauf und streite hart mit dem Taxifahrer. Dan und ich versuchen dem Taxifahrer klarzumachen, dass uns andere Konditionen genannt wurden und wir auf diese bestehen – ich bin mir bewusst, dass mich meine westlichen Ansichtsweisen hier nicht weiterbringen. Trotzdem versuche ich es von Zeit zu Zeit doch mal, wenn ich grad mal nicht aus meinem westlichen Denkkorsett ausbrechen kann oder will…

Das ganze ging dann soweit, dass der Taxifahrer uns beide nicht mehr mitnehmen wollte. Wir sollten aussteigen, sind aber sitzen geblieben. „You two white people, get out!“ Der Fight ging weiter. Man erkennt ebenfalls recht schnell, wenn jemand nur blufft. Der Typ hier war extrem scharf auf unsere Kohle und versucht uns mit Fahrverbot in die Ecke zu drängen. Natürlich geht es nicht um viel Geld für deutsche Verhältnisse… dennoch ist die Herkunft aus einem westlichen Land keine Lizenz für Abzocke. Ich mag dieses Mindset von einigen Einheimischen überhaupt nicht. Ich weiß nicht wer ihnen erzählt hat, dass im Westen das Geld auf den Bäumen wächst und man es nur pflücken muss…

Für die Locals bin ich hier der Tourist, ich selbst sehe mich allerdings als jemand, der für einige Zeit woanders lebt, was nicht mit einem Urlaub gleichzusetzen ist (Richtig, ich mache keine 6 Monate Urlaub) Und genau deshalb schmeisst man auch nicht wild mit Geld um sich, wie man es bei einem „normalen“ Urlaub vielleicht tun würde…

Jedenfalls wollte der Fahrer auf die nächste Fähre warten, die erst in einer Stunde kam. Es war keine schöne Situation. Dan meinte, wir sollten uns jetzt ruhig verhalten da es möglicherweise nicht gut ist, sich auf einer Insel Feinde zu machen. Von dem Typen ging tatsächlich auch ohne Streiterei keine sonderlich angenehme Ausstrahlung aus. Vom Hafen aus waren es 17 km bis zu meinem Hotel und 25 km bis zu Dan’s. (Ok, so klein ist die Insel dann auch wieder nicht) Es war schon nach 17 Uhr und würde bald dunkel werden. Es wäre Wahnsinn zu laufen mit einem 15 kg Backpack hinten und 5 kg vorne. Wir mussten beide doch einsehen, dass wir ein bisschen mit dem Rücken an der Wand standen. Wir haben den Preis trotzdem drücken können. Nach 1,5 Stunden warten ging es dann auch mit halbvollem Taxi und dem bisher grummeligsten Taxifahrer in Asien endlich los.

Fähre nach Koh Chang

Die heilige Privatsphäre

Auf Koh Chang leiste ich mir das erste Mal auf meiner Reise ein richtiges Hotel. Obwohl ich auch die Option auf ein idyllisches Chalet in Strand- oder Dschungelnähe habe, verzichte ich gerne. Meine Schlafqualität hat die letzten beiden Wochen extrem gelitten. Entweder ist das Zimmer laut, die Umgebung voller unindentifizierbarer Geräusche, das Bett müffelt, Geckos schreien rum oder man kratzt die halbe Nacht an seinen Sandfliegen-Stichen (ein hartnäckiges Mitbringsel aus Tioman).

Ich habe hier im „The Gallery“ ein Kingsize-Bett, moderne Einrichtung, einen Fliesenfußboden, ein sauberes Bad mit einer richtig geilen Dusche, gute Lichtverhältnisse und Privatsphäre genau dann, wenn ich sie will. Privatsphäre ist nämlich bei den meisten Langzeitreisenden ein Fremdwort. Entweder hatten gewisse Traveller sowas noch nie im Leben oder sie haben es schlicht und ergreifend verlernt, brauchen es nicht oder nicht mehr…wie auch immer. Meine Privatspähre ist mir immernoch heiligst und ich würde töten, um sie zu bekommen. So kann man das durchaus zumindest zu meinem Backpacker-Alltag  zählen, auf der Suche nach Privatsphäre zu sein, genauso wie man in anderen Zeiten nach dem Gegenteil sucht – Anschluss. Privatspähre suche ich mittlerweile allerdings öfters…So ist es in den meisten Hostels eine regelrechte Herausforderung, banalen Conversationen a la „Where you from? Where are you going? babababa“ aus dem Weg zu gehen. Einige Leute starten SOFORT ein Gespräch, wenn du im Zimmer ankommst und noch nicht mal Zeit hattest deinen Backpack abzulegen. Ich hasse das. Nach zwei Monaten ist man diese Backpacker-Themen auch einfach überdrüssig. Man spricht mit gefühlt 1000 Menschen auf seiner Reise und der Inhalt der Gespräche ist bei 99% immer gleich. Man ist immernoch ein Backpacker, hat jedoch irgendwann einfach nicht mehr das Bedürfnis, es an die große Glocke zu hängen. Die Anfangseuphorie ist hat sich gelegt. Ich persönlich hatte sowieso noch nie das Bedürfnis mich mit jedem Menschen, der meinen Weg kreuzt, zu unterhalten…unter Backpackern gehöre ich wohl eher zu den „unsozialen“. Ich genieße es, mit jemanden einen längeren Kontakt zu haben (man merkt schnell wenn man auch abseits der Backpackerthemen gemeinsamen Gesprächsstoff hat) anstatt mich jeder Nonsens-Unterhaltung auszusetzen. Mittlerweile ist mir dieses 1% lieber als die 99% und Einsamkeitsphasen gehen auch vorbei. Es ist erstaunlicherweise auch so, dass Nonsens-Gespräche die man in Einsamkeitsphasen über sich ergehen läßt, hinterher ein noch größeres Einsamkeitsgefühl hinterlassen. Also akzeptiere ich diese Phasen, bin auch mal unsozial und freue mich umso mehr, wenn mal wieder das eine Prozent um die Ecke kommt…Jedenfalls ist hier alles fresh und clean im „The Gallery“. Ein sicherer Ort.

Es herrscht Regenzeit auf der Insel. Reges aber angenehmes Gewusel auf der Straße. Restaurants und Bars sind allerdings sehr spärlich besucht. Es gibt viele Shops, 7/11, Früchte wohin man schaut. Trotz Regenzeit ist das Wetter angenehm. Nachts weht eine leichte Brise, wie man sie in den Städten so gut wie gar nicht vorfindet. Eine willkommene Abwechslung und ein Pluspunkt für die Insel.

Spice up my life

Ich entdecke meine Vorliebe für scharfes Essen. So scharf, dass mir während der Mahlzeit die ganze Zeit der Mund brennt. Ich weiß nicht warum und woher das kommt, doch ich steigere meinen Schärfegrad von Tag zu Tag. Ich liebe es. In Deutschland habe ich scharfes Essen stets gemieden und hier… auf einmal…möchte ich nichts anderes essen. Ein weiterer Pluspunkt!

Wild Curry

Make new friends – Thaiboxen

Wer sich die hiesigen Taxifahrer zum Feind macht, sollte sich vielleicht die hiesigen Thaiboxer zu Freunden machen. Die Jungs trainieren im hinteren Bereich von einem der Strandrestaurants am White Sand Beach. Eigentlich wollte ich hier nur auf Toilette gehen, entdecke den Ring und muss mir das genauer anschauen. Ich frage einfach mal, ob sie mir ne Stunde geben. Ich bekomme sofort ein Ja und am nächsten Nachmittag heißt es dann auch schon „ready to rumble“. Die Jungs erklären mir die Begriffe (Hook, Knee, Kick, Elbow, Punch, …), ziehen mir die Handschuhe an und dann geht’s schon los. Kurzer Prozess. Eine Runde geht über 3 Minuten, danach 1 Minute Pause. Der Lehrer sagt die Begriffe und ich muss entsprechend schlagen oder kicken. Das ganze macht mir echt Spaß und ich schwitze, als hätte jemand den Wasserhahn aufgedreht. Wenn man hier mal ein bisschen Routine hat, kann man sich in den 3 Minuten komplett zerstören. Das ganze geht über mehrere Runden. Wie bei einem Boxkampf eben. Ich bin auf jeden Fall begeistert, was mich ebenfalls verblüfft, da mich box-artige sportliche Betätigungen nie so wirklich gepackt haben. Ich bin mit dieser Schlag- und Kickbewegung einfach nicht warmgeworden. Auch das ist hier um 180 Grad gedreht, ähnlich wie mit dem scharfen Essen. Ok, sobald man hier mal richtig eine verpasst verkommt, wird sich die Begeisterung sicherlich auch wieder legen…Für ein paar Dropins ist es eine spassige Sache! Ich hab die Jungs 3x besucht und kann sie wärmstens weiterempfehlen! Wenn ihr irgendwann mal nach Koh Chang kommt und boxen möchtet … kommt in die Sabay Bar am White Sand Beach.

Ich mag die Jungs

1%

Ich verbringe viel Zeit mit meiner Mutter und finde es äußerst amüsant, wie die für asiatische Verhältnisse doch sehr westlichen Begebenheiten auf der Insel, bei ihr ankommen. Liebe Mama, Backpacken wäre nichts für dich 😉 Die Insel Koh Chang ist nicht mit der Einsamkeit von Tioman zu vergleichen wo es praktisch NICHTS gab. Hier gibt es einfach alles. Es ist vergleichsweise ein Schlaraffenland für minimal budgetierte Backpacker und Urlauber.

Ausserdem finde ich im Kampf gegen die Taximafia in Dan schnell das oben beschriebene 1%, für das ich meine ’soziale Antiintegrität‘ gerne mal wieder verlasse. Wir finden schnell Themen abseits vom Backpacker-Nonsons und verbringen das ein oder andere Dinner zusammen. Dan ist ein interessanter Mann mit einer interessanten Story und interessanten Ansichtsweisen. Ein Jahr lang radelte er durch alle Präfekturen Japans und hat ein Buch darüber geschrieben. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, jedoch in einigen Outtakes auf seinem Blog geschmökert. Da ich den Menschen Daniel Doughty mit samt seinem Humor, seinem Denken und seiner Wortwahl kennengelernt habe, freue ich mich auf den Tag, an dem ich das Buch zu einer festen Base schicken und endlich lesen kann. Wer auf Adventure-Stuff gepaart mit Ironie und trockenem Humor steht, kann mit diesem Buch eigentlich nichts falsch machen. Ich hab die Outtakes sehr genossen. Erhältlich bei Amazon:

Daniel Doughty Tokyo to Tokyo – A cycling adventure around Japan

Go for it! All the best for my masturdating date-mate!

Sex sells und was man hier sonst noch unternehmen kann

Die Insel hat nicht nur Thaiboxen, scharfes Essen und eine gut organisierte Taximafia zu bieten. Am besten leiht man sich hier einen Motorroller aus und geht auf Erkundungstour. Die Insel hat zahlreiche Wasserfälle, Strände und einen National Park in dem man Wandern kann auf dem Programm… und natürlich Tempel.

Inmitten des Inselparadieses wird einem dann auch schnell klar, warum Thailand und Sextourismuss in einem Satz genannt wird. Nachts gehen die roten Lichter an und eine gewisse verruchte Aura legt sich wie ein durchsichtiger Vorhang über dem Ort nieder. Koh Chang ist diesbezüglich natürlich nicht mit Bangkok zu vergleichen, wo leicht bekleidete Damen und Ladyboys offensichtlich auf der Straße Sex anbieten (Khaosan Road z.B.) … nein, hier läuft das vergleichsweise subtil ab. Sehr junge mäßig bekleidete Damen rufen „Hey handsome man“ aus den Bars, aus anderen Einrichtungen tönt es „Massage Mister“ wenn potenzielle Kunden vorbeilaufen…Massageeinrichtungen oder GoGo Bars sind meist nur getarnte Bordelle. Riesige weiße Männer schmücken sich mit winzigen Thailändinnen. Für viele Männer und Frauen ist das die einzige Möglichkeit um genügend Geld für die Famile zu verdienen. Traurig.

Koh Chang, Blick auf White Sand Beach

Ko Chang, White Sand Beach