Struggle, Kitsch und Geschichte in Malakka

Nach drei Nächten in Singapur geht es mit dem Bus auch schon wieder weiter nach Malakka/Malaysia (malayische Schreibweise Melaka). Es gibt zahlreiche Busunternehmen, die einen zuverlässig über die Grenze fahren. Die 3,5-stündige Fahrt verläuft reibungslos und startet pünktlich. Man muss dreimal ein- und aussteigen…nach drei Minuten Fahrt, um in einen anderen Bus umzusteigen (?), zur Ausreise aus Singapur und bei der Einreise nach Malaysia inklusive Gepäckcheck. Ich bin eigentlich noch gar nicht bereit für einen erneuten Ortswechsel, hatte das Ticket aber schon in Amed online gebucht. Singapur, du hast mich geflasht! Ich träume noch ein bisschen vor mich hin und versuche meine Eindrücke zu verarbeiten. Die Nächte waren bequem aber sehr kurz aufgrund der Impressionswelle…

Ankunft und Eindrücke

Ich erreiche Malakka. Die Kleinstadt liegt an der Westküste von Malaysia und ist seit 2008 als UNESCO Weltkulturerbe gelistet. Bei meiner Ankunft fallen mir als erstes die Taxi-Trishaws auf. Die fahren hier in sämtlichen Comicausführungen von Spiderman über Pokemon bis hin zu Hello Kitty unterstützt von schallenden Technoklängen aus den 90er Jahren, herum. Ich bin umgeben von roten Gebäuden, die so überhaupt nicht hierhin passen. Die Gebäude um den Red Square in Malakka herum sind vom architektonischen Stil der Holländer im 17. Jahrhundert geprägt. Speziell das Stadhuys und die Christ Church, zwei der ältesten niederländischen Bauwerke in Südostasien. Aufgrund der Geschichte der Stadt und deren verschiedene Besetzungen durch China, Portugal und Holland, findet man hier einen bunten architektonischen und kulturellen Mix.

Red Square

Taxi-Trishaws

Taxi-Trishaws

Malay and Islamic World Museum

Da ich grad in Hostellaune bin, buche ich mir unterwegs ein günstiges 4-Bett-Dorm. Ich entwickle allmählich die Tendenz, auf den letzten Drücker zu buchen oder erst vor Ort mit der Suche nach der Unterkunft anzufangen. Man wird irgendwann entspannt in dieser Hinsicht. Als ich ankomme, stehe ich vor verschlossenen Türen. Ein Zettel hängt am Tor, dass heute niemand da ist – scheinbar hat das Hostel im Moment keine Gäste. Der Nachbarhostel-Besitzer bietet mir an, einzuchecken und führt mich herum. Irgendwie stößt mich jedoch der piefige Geruch im Zimmer ab. Hier gibt es ganze drei Gäste im Augenblick. Ich suche online weiter und finde ein Guesthouse mit guten Bewertungen. Als ich hier ankomme, bin ich der zweite Gast. Was ist hier los in Malakka? Das Städtchen wirkt verschlafen, viele Cafés und Shops sind geschlossen oder machen gerade auf – es ist 14:30 Uhr?! Der frühe Vogel fängt hier auf jeden Fall nicht den Wurm.

Durch die Kleinstadt schlängelt sich der Malakka-Fluss, an dem sich viele kleine Cafés, Bars und Hostels mit Blick auf den Fluss aneinander reihen. Mein Hostel hat ebenfalls ein kleines Café am Steg. Hier kann man einfach sitzen und die Umgebung auf sich wirken lassen. Die Häuser entlang des Flusses sind alt und sehen von aussen brüchig aus. Obendrauf gibt es einen bunten Dekomix aus Vintage-Blechschilder und chinesischen Girlanden und Lampions. Zwischendrin findet sich immermal wieder ein gemaltes Wandmural oder ein Graffiti. Abends erstrahlt der Steg unter bunten Lichterketten und ist sehr gut besucht – hier startet der Tag offensichtlich erst am späten Nachmittag. Die Frau des Besitzers erklärt mir, das sei hier vollkommen normal, da es tagsüber einfach zu heiß ist. Macht Sinn. Die Hitze gepaart mit der enormen Luftfeuchtigkeit ist gewöhnungsbedürftig. Mit einem Backpack aufm Rücken kommt man hier sowieso nicht ohne Schwitzen durch.

Malakka-Fluss

Jonker Street

Neue Währung, neue Eindrücke! In der Jonker Street erwartet mich der absolute Overkill an chinesischem Kitsch, exotischen Nudelgerichten und zahlreichen chinesischen Kuchen oder Cookie-Sorten. Auch hier kann man buddistische Tempel direkt gebenüber der Moschee bewundern. Zwischendrin finden sich ab und zu Cafés mit westlichen Kaffeeangeboten, die im chinesisch-indischen Gewusel allerdings ein bisschen fehl am Platz wirken. Entlang der Straße gibt es ausserdem sehr viele Antiquitätengeschäfte. Wie ihr sicherlich feststellt, ist mir guter Kaffee immernoch sehr wichtig.

Jonker Street

Putzig

Antiquitätenshop

Ich fühle mich von der bunten Kulisse erschlagen und merke meinen Widerstand gegen erneutes Sightseeing. Die Stadt bietet nicht nur ein kulturelles Gewusel sondern auf der anderen Seite des Flusses auch sehr viel Geschichte. Ich habe zwei Nächte hier gebucht und versuche schon am Abend den nächsten Tag und die Abreise zum nächsten Ort zu organisieren. Ich stelle fest, dass ich nicht zufrieden bin mit meinem Reisestil. Es geht nicht darum, alles möglichst schnell abzuhaken.  Ich muss mir eingestehen, dass das anfängliche Gefühl der Überforderung in den neuen asiatischen Orten (nicht in allen, aber vielen) ein treuer Begleiter für die nächsten Monate sein wird und sich so schnell nicht abschütteln läßt. Das gehört wohl mit dazu. Ich erwische mich, wie ich mit der zügigen Planung doch eigentlich nur auf der Suche nach Sicherheit bin. Man möchte zwar Neues kennenlernen, gleichzeitig fängt man nach einigen Wochen unbewusst an einen Platz zu suchen, an dem man sich auf Anhieb wohlfühlt, wo man sich sofort auskennt, wo man sofort Anschluss hat. Ein Ort wie „zuhause“. Natürlich war mir schon in Deutschland bewusst, dass diese Momente vorprogrammiert sind. Was es allerdings tatsächlich bedeutet, wie es sich anfühlt und was man in dieser Situation denkt, erfährt man erst wenn man auf dem Weg ist. Es ist jetzt Zeit, sich nicht nur theoretisch von dieser Vorstellung zu verabschieden sondern auch praktisch. Darin besteht die Challenge. Ohne Struggle keine Weiterentwicklung. Man braucht Balance im Leben und als Backpacker für längere Zeit zu reisen, bedeutet nicht, sich in permanenten Sightseeing, Bergen und schönen Stränden zu verlieren. Es gibt hier in Malakka also einiges für mich zu reflektieren, zu überdenken und zu lernen. Ich habe als nächstes die Insel Tioman auf meiner „Places to visit in Malaysia-Liste“, bekomme aber erste Zweifel und möchte gerade auch keinen Strand sehen, um keine Insel laufen oder Beachhopping machen. Ich bin nicht mal bereit für Malakka. Ich sehne mich nach einer Aufgabe.

Sport und Graffiti – immer wieder eine gute Kombo

Am nächsten Morgen geht der erste Gang erstmal ins Gym. Sich ein bisschen wie „zuhause“ fühlen, ein bisschen Struktur in den Kopf bringen. Ich verfalle regelrecht in „Planungslethargie“. Ich bin fast zwei Tage mit dem Singapur-Bericht beschäftigt. Ich verlängere meinen Aufenthalt um weitere zwei Tage. Gut so, wie sich herausstellt. Ich lerne im Gym einen Brazilaner kennen, der in einem Hostel als Voluntier arbeitet. Er lädt mich ins Hostel ein und erzählt mir seine Geschichte. Er reist schon seit 6 Jahren um die Welt, in Malaka ist er seit 2 Monaten hängengeblieben. Es ist ein guter Ort, um etwas „Routine“ zwischendurch zu bekommen. Klingt nach einer Lösung für mein „Problem“. Er erklärt mir, wie er das Voluntieren und Jobben auf Reisen umsetzt. Für mich ergibt sich sogar die Möglichkeit, im Hostel ein Graffiti zu machen. Endlich! Der Mann hat perfektes Timing und meine Gebete werden erhört. Nach vier Tagen ziehe ich hierhin. Der Besitzer zeigt mir die Dachterasse, auf der ich mir eine Wand zum besprühen aussuchen kann. Ich habe wirklich eine regelrechte Sehnsucht aufgebaut, kreativ zu sein, produktiv zu sein und auf eine Sache 100% fokussiert zu sein. Im Hier und Jetzt sein. Fokus!

Das Gym

Es hat keine Klimaanlage dafür einiges an skurilen und rätselhaften Maschinen.

Statue Mr. Asia

Poser

 

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Spinning kann man hier auch machen

Hiermit trainiert man seine Bauchmuskeln

Geschichte

St. Pauls Church

St. Pauls Church

Bastion Santiago, portugisisch-niederländische Festung

Bastion Santiago, portugisisch-niederländische Festung

Zentrum Malakka

Mehrzweck-Transportflugzeug der malayischen Luftwaffe

 

Nancy Riedel

2 Comments

Antje Lippold

Hallo Nancy ,ich sitze hier und verfolge wieder einmal deine Reiseberichte.Es ist schon von hier aus alles sehr aufregend und ich bin froh ,dass es dir gut geht .Es ist schon eine sehr „bunte“Welt in derdu grad bist ,wahrscheinlich würde es mich total überfordern .Aber um das rauszufinden bist du ja dort::),ich kann das Verlangen nach einer gewissen Stete und Sicherheit gut nachvollziehen .Super das du mit deinem Bild etwas von dir hinterlassen konntest,darum geht es doch auch…weiterhin gute und sichere Reise und liebe Grüße von den Pausaer’n..und immer schön bloggen::)

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Nancy Riedel

Hallo Antje, vielen Dank für deinen Kommentar 🙂 Viele liebe Grüße auf Malaysia!

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