Gipfelbesteigung Mt. Rinjani Summit – „tough walk“…

Nach 5 entspannten Nächten und Tagen auf Gili wird es Zeit für ein neues Abenteuer. Ich erinnere mich an die zwei Holländer, die mir von der Trekkingtour auf den Mt. Rinjani auf Lombok erzählt haben. Diese Tour scheint recht beliebt zu sein, denn sie wird an jeder Ecke angeboten. Ich buche die 3 Tage/2 Nächte Tour inkl. Gipfelbesteigung und Equipment. Auf meine Nachfrage, wie die Tour beschaffen ist, bekomme ich die Antwort „It’s a tough walk“. Ich freue mich und antworte „I like tough walks“. An diesen Moment werd ich mich später noch erinnern.

Ich setze mit dem Boot von Gili nach Bangsal/Lombok. Hier treffe ich auf vier weitere Teilnehmer der Tour, eine Französin und drei Chinesen. Wir werden mit dem Auto nach Sembalun in unsere Unterkunft für die Nacht vor dem Aufbruch gebracht. Hier treffen wir auf drei Dänemarker, die die Tour ebenfalls gebucht hatten. Am Abend besprechen wir mit unserem Guide Adi den Ablauf der Tour. Wir sind alle aufgeregt und sehr vorfreudig. Ich bin nicht perfekt ausgerüstet, da ich eigentlich keine Trekkingtour in höhere Lagen geplant hatte, aber es wird schon irgendwie gehen. Trekkingboots und eine warme Jacke ist inklusive.

Tag 1: Aufstieg ins Camp 1 auf 2.639 m

Am nächsten Morgen 7:30 Uhr geht es los. Wir fahren auf der Ladefläche eines Pickup  zusammengepfercht eine Stunde bis zum Startpunkt.

Zusammen mit unseren fünf Portern (Träger, die auf dem Berg für uns Kochen werden, Lebensmittel tragen, Zelte aufstellen und Wasser beschaffen) laufen wir los. Es ist heiß. Der Marsch führt erstmal über Wiesen und durch kurze Waldabschnitte. Nach drei Stunden machen wir die erste Pause und unsere Crew bereitet uns ein Mittagessen. Es dauert ca. 2 Stunden. Es muss alles perfekt sein. Jeder Teller sieht gleich aus. Die Porter sind sehr genau und richten alles mit ganz viel Liebe an. Sie erinnern mich ein bisschen an Oompa-Loompas.

Die Porter bereiten unser Mittagessen vor

Ausruhen

Nach dem Lunch steigen wir weitere drei Stunden auf ins Camp 1. Hier war ich zum ersten Mal mit einem neuen Level von „steil“ konfrontiert. Es ging in einer extremen Steigung über Felsbrocken und Wurzeln und es schien kein Ende zu nehmen. Hier hab ich angefangen, das erste Mal drüber nachzudenken, warum ich das überhaupt mache.

Jedenfalls erreichten wir gegen 18 Uhr endlich Camp 1 auf 2.639 m. Ich lief die meiste Zeit alleine, da die Youngsters in der Gruppe einen derben Vorsprung an den Tag legten. Da konnte ich nicht mithalten – bin halt doch keine 20 mehr gell.Von hier aus bot sich eine tolle Aussicht auf den See. Unsere Zelte waren dank unseren Trägern bereits aufgestellt und bezugsfertig. Die laufen übrigens mit Flipflops und in doppelter Geschwindigkeit hier rauf – die wahren Helden des Trips.

Da oben wehte im wahrsten Sinne des Wortes ein anderer Wind. Es war kalt und windig. Sobald die Sonne untergegangen war, fing der ungemütliche Teil im Zelt an. Wir zogen uns warm an und verharrten, bis wir gegen 21 Uhr unser Abendessen und Tee ins Zelt gereicht bekamen. Es gab ein Curry mit Hähnchen, Gemüse und Reis. Ich teilte mir das Zelt mit Morgane, einer französischen scheinbar recht erfahrenen Trekkerin, denn sie hatte alles mögliche an Funktionsklamotten dabei. Sie hatte allerdings auch nur einen 1-monatigen Trip geplant und der Rinjani-Aufstieg war ein fester Bestandteil von vornherein für sie gewesen. Für sechs Monate kann ich einfach nicht alles mitnehmen, was ich „eventuell“ brauchen könnte.

Im Zelt ausharren

Tag 2: Summit Mt. Rinjani 3.726 m + Abstieg zum See und zu den Hot Springs auf 2.000 m + Aufstieg Camp 2 auf 2.461 m

Die Nacht war kalt und der Wind peitschte gegen das Zelt. Von Schlaf konnte keine Rede sein. Gegen 1:30 wurde uns Kaffee und die typisch zuckrigen indonesischen Cracker ins Zelt gereicht und dann ging es auch schon los. Mit Stirnlampe ausgerüstet starteten wir gen Gipfel. Entlang des Bergkamms war ich ein Teil dieser Lichterkette, die sich langsam bergauf schob. Es war schon ein besonderes Gefühl. So ein bisschen Mount Everest Feeling, nur 40 Grad wärmer. Ich fing schon nach kurzer Zeit an, mit mir zu kämpfen. Mir steckte der noch gar nicht so lange zurückliegende Aufstieg ins Camp 1 in den Knochen und der fehlende Schlaf tat sein übriges. So fühlt man sich also bei einer Bergbesteigung. Ich dachte drüber nach, was man für ein Mensch sein muss, wenn man eine 2-monatige Mt. Everest Expedition aushält und unter ganz ganz anderen Bedingungen an so einem Berg haust. Ich dachte über mein Trekking im Himalaya nach und über das Buch, dass ich darüber gelesen hatte. Für mich war das alles schier unvorstellbar. Ich musste diese Gedanken loswerden und mich ablenken, sonst würde ich wohl jeden Moment aufgeben. Nach einem felsigen Abschnitt bestand der Rest des Aufstiegs hauptsächlich aus Geröll. Bei jedem Schritt ist man wieder zurückgerutscht. Die Lichterkette schob sich immer weiter nach oben. Ich wusste nicht, ob ich es jemals bis da rauf schaffe. Der Struggle am Berg war immens. Mir gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Ab jetzt hallte der Satz „I like tough walks“ böse nach und das erste Gefühl der Reue machte sich breit. Der Aufstieg schien eeeendlos. Der Gipfel kam einfach nicht näher. Ich sah die ersten Lämpchen an der Spitze leuchten. Ich muss zugeben, dass ich mich schon mal besser motivieren konnte. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Das hier war für mich ein bisher unbekanntes Level von „anstrengend“. Ich wollte aufgeben, ich wollte mich nicht weiter bewegen…aber irgendwie macht man es dann eben doch. Ich setzte mich zweimal hin während des Aufstiegs, hab gegrübelt, hab geflucht, hab geweint. Mittlerweile bildete sich ein rot-orangefarbener Streifen neben mir am Himmel. Die Sonne ging auf.

Ich erreichte den Gipfel gegen 6:20 Uhr. In mir tobte immernoch ein Gefühlswirrwarr. Ich blickte zurück und sah nun den kompletten Weg, den ich zurückgelegt hatte und die Menschen, die ihn noch vor sich hatten. Am Gipfel war schon einiges los.

Die Aussicht und das Gefühl kann ich nicht in Worte fassen. Ich war gedanklich immernoch am strugglen, man kann das nicht einfach abstellen. Auch als ich hier oben stand, kam mir alles total unreal vor. Nach ca. 30 min brachen wir wieder zum Camp 1 auf. Abwärts war es eher ein rutschen als ein laufen. Wir kamen gegen 9 Uhr ziemlich erschöpft im Camp an. Am Zelt wartete bereits Pancake und Toast auf uns. Nicht gerade vor Nährstoffen trotzend aber die nächsten Tage kann man es sich leider nicht aussuchen. Auch sind die Portionen bei jeder Mahlzeit abgezählt, wer mehr Hunger hat, hat schlicht und ergreifend Pech gehabt.

Gegen 10 Uhr ging es dann weiter Richtung See. Das bedeutete 3 Stunden absteigen. Es war eher ein hinabklettern/-kriechen als ein gehen. Der Pfad war felsig und man musste sehr gut aufpassen, wohin man hintritt. Auch dieser Weg schien endlos. Gegen 13:15 Uhr kamen wir am See an. Von hier aus konnten wir gut erkennen, auf welcher Höhe wir heute schon gewesen sind.

Lunchtime am See, Gipfel ganz links im Bild

Hier unten gab es die natürlichen Rinjani Hot Springs, die heißen Quellen. Wir sehnten uns danach, auszuruhen und unsere Beine zu entspannen. In den Hot Springs konnten wir das zumindest für einige Minuten tun. Dieses heiße „Bad“ (die waren tatsächlich heiß) war herrlich, da wir mittlerweile auch 2 Tage nur am Schwitzen waren und auf dem Berg natürlich keine komfortable Dusche zur Verfügung steht.  Man ist einfach nur dreckig, verschwitzt, stinkt und ekelt sich allmählich vor sich selbst. So ist das eben beim Trekken.

Zum Mittagessen gab es Nudelsuppe. Der anstrengenste Teil des Tages stand uns jetzt erst noch bevor: der 3-stündige Aufstieg ins Camp 2. Keiner von uns wollte sich auch nur noch einen Meter bewegen…aber was will man machen, der einzige Weg raus, ist der Weg mittendurch. Die Eindrücke, Aussichten und die wunderschöne Landschaft ließ uns zumindest zeitweise die Strapazen vergessen.

Immer wenn man denkt, es kann schlimmer nicht mehr werden, wird es schlimmer! Der Aufstieg hatte sehr viele Stellen an denen man nun klettern musste. Hatte ich schon erwähnt, dass die Träger mit Flipflops hierrauf marschieren?

Aussicht Camp 2

Wenn man denkt, schlimmer gehts nicht mehr, kommt von irgendwo ein neuer Felsen her

Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir im Camp 2 an. Die Aussicht war gigantisch!!! Von hier aus konnte man bis rüber auf Bali schauen. Wir bezogen erneut unsere Zelte und harrten nach nun wieder aus. Diesmal war es windstill und klar was bedeutete, dass die Nacht noch kälter als die letzte würde. Ich schlief nur etappenweise und musste mich zweimal aus dem Schlafsack schälen, um aufs Klo zu gehen (wir hatten sogar ein Toilettenzelt). Einziger Trost: der Sternenhimmel. Diesen Moment konnte ich leider nicht per Foto festhalten. Hier oben konnte man vermutlich jeden Stern im Universum sehen.

Tag 3: Abstieg zurück nach Senaru

Gegen 6:30 bekamen wir wieder unser Frühstück und gegen 7 Uhr begannen wir den Abstieg nach Senaru. Meine Zehen stießen bei jedem Schritt an die Spitze der total ausgelatschten Trekkingboots (in Indonesien ist es nicht so, dass man leicht gebrauchte Trekkingschuhe nach unserem Standard bekommt, nein, man bekommt ein paar alte löchrige aber halbwegs robuste Schuhe, die unser Guide in letzer Minute noch irgendwo aufgetrieben hat – trotzdem war ich froh, welche bekommen zu haben). Der Abstieg führte durch wurzeliges Terrain und dauerte abzüglich der Mittagspause ca. 5 Stunden. Der Abstieg bestand größtenteils aus Wurzeln und forderte unsere komplette Aufmerksamkeit und Konzentration.

Gegen 13 Uhr kamen wir endlich am Ausgang vom National Park an. We survived Mt. Rinjani!!!

Wir haben es alle geschafft! Ich fühle mich traumatisiert und glücklich zugleich. Ich sehne mich nach Ruhe, einer Dusche und möchte die letzten Tage verarbeiten. Das war auf jeden Fall ein bisher nicht gekanntes Level „tough walk“ – der anstrengenste, den ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Ich muss zugeben, dass ich nach meiner Trekkingtour durchs Himalaya dachte, mich kann nichts mehr schocken. Diese Tour hat mich eines besseren belehrt. Es war ein fantastisches Erlebnis, dass ich vermutlich bei ausführlicher Recherche vorneweg, nicht erlebt hätte 🙂 Ich weiß nicht, ob ich es gemacht hätte, wenn ich mir mal die Trekkingmap vorher genauer angeschaut hätte. Im Himalaya war ich auf ca. 4.000 m, die ich allerdings in 6 Tagen zurückgelegt hatte, und nicht innerhalb von 24 Stunden. Ausserdem hatte ich im Himalaya auch keine Gipfelbesteigung inklusive. Vermutlich hätte ich es aber auch bei genauer Recherche gemacht und mir trotzdem gedacht, dass es so krass schon nicht werden wird. Now I know 🙂

Wer Interesse hat, darf mich gerne nach dem besten Guide der Welt – Ady – fragen oder ihn persönlich auf seiner Homepage kontaktieren: www.rinjanitrekkinginfo.com